Positionen und Merksätze
Die folgenden Texte gehen auf Positionen von Hans Schwab aus seiner langjährigen Elternarbeit zurück und wurden sprachlich behutsam aktualisiert. Sie sind keine Rechtsvorschriften, sondern Anregungen, über die eigene Haltung zur Schule nachzudenken und mit anderen Eltern und Lehrkräften ins Gespräch zu kommen.
Zehn Merksätze für Eltern
Eltern und Kinder
- Die seelische und körperliche Gesundheit des Kindes ist wichtiger als seine Schulleistungen.
- Die vornehmste Aufgabe der Eltern ist es, ihre Kinder zu verstehen und ihnen zu helfen, mit der Schule zurechtzukommen, nicht aber, den Leistungsdruck der Schule in die Familie hineinzutragen oder ihn durch Belohnung und Bestrafung zu verstärken.
- Darum müssen Eltern ihre Kinder gegen Leistungsdruck abschirmen, der zu Angst vor Versagen führt. Sie müssen Zeit für sie haben und Vertrauen in ihre Fähigkeiten setzen.
Eltern und Lehrkräfte
- Lehrkräfte sind keine unfehlbaren Instanzen, auch wenn sie manchmal so wirken oder von Eltern dazu gemacht werden. In Wirklichkeit haben Lehrkräfte oft selbst Sorge, was Eltern alles von ihnen erwarten.
- Eltern wissen mehr über ihre Kinder als die Lehrkräfte, die die Kinder nur in der Schule erleben. Guten Lehrkräften ist das bewusst.
- Darum müssen Eltern gute Lehrkräfte unterstützen, die Zusammenarbeit, Fantasie und Selbstständigkeit der Kinder fördern und keinen Wert auf Konkurrenz, abstraktes Paukwissen und Unterordnung legen.
Eltern und Miteltern
- Eltern sollten aufhören, mit ihren Kindern gegeneinander zu konkurrieren. Sie sollten nicht nur in die Schule kommen, wenn sie gerufen werden oder für ihr Kind etwas erreichen wollen. Es gibt genügend Möglichkeiten, Schule gemeinsam mit den Kindern anders zu erleben.
- Eltern sind weder Gegner:innen noch Kompliz:innen, sondern Partner:innen der Schule. Es wäre gut, sich auf Elternabenden wie Erwachsene zu organisieren und aufzuhören, sich wie Schüler:innen zu fühlen.
- Darum müssen sich Eltern zusammenschließen und ihre Vertretungen bestimmen, um vor Ort mit den Lehrkräften zusammenzuarbeiten und ihre Interessen auch überregional zu vertreten.
Eltern und Schule
- Hauptinteresse der Eltern muss es sein, die Schule zu einem Ort zu machen, an dem ihre Kinder, die Lehrkräfte und sie selbst sich gern aufhalten. Einem Ort,
- an dem Lernen wichtiger ist als der Lehrplan,
- an dem Wissen und Können wichtiger sind als Prüfungen,
- an dem Zusammenarbeit wichtiger ist als Auslese,
- an dem Eigenständigkeit wichtiger ist als Zentralisierung,
- an dem die Möglichkeit zum Weiterlernen vom Interesse der Lernenden abhängt und nicht von Noten und formalen Berechtigungen.
Zusammenarbeit von Eltern und Lehrkräften
Auf beiden Seiten gibt es Ausgangsbedingungen und Erfahrungen, die das Verhältnis zueinander beeinflussen und die Zusammenarbeit erschweren können, ohne dass jemand individuell schuld wäre.
Ausgangslage vieler Eltern:
- berufliche und familiäre Belastung,
- eigene Schulerfahrungen,
- Scheu vor „Fachleuten",
- die Erfahrung, dass Mitbestimmung anderswo nicht gefragt ist,
- Angst vor Folgen für das eigene Kind,
- die Haltung „Erziehungsschwierigkeiten sind Privatsache",
- Angst, sich durch Engagement Angriffen auszusetzen.
Ausgangslage vieler Lehrkräfte:
- hohe Arbeitsbelastung, große Klassen, viele zusätzliche Aufgaben,
- fehlende Anerkennung ihrer Bemühungen,
- Sorge vor Vorwürfen und Konflikten mit Eltern,
- vermutetes Desinteresse der Eltern,
- Elternarbeit als Mehrarbeit,
- Skepsis, weil manche Eltern nur das eigene Kind im Blick haben,
- die gewohnte Rolle, im Raum das Wort zu führen.
Was Kooperation möglich macht:
- die eigene Lage bewusst machen und Ausgangsbedingungen offen ansprechen,
- realistische Ziele setzen,
- sich über die Rechtslage informieren,
- Alleingänge vermeiden,
- neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln und ausprobieren.
Ansprache für eine bessere Schule
Liebe Kinder! Für euch ist die Schule da, für niemanden sonst. Lasst euch nicht für dumm verkaufen, sondern verlangt, dass man euch die Welt so erklärt, wie sie wirklich ist und wie sie geworden ist. Wenn ihr etwas nicht versteht, denkt nicht gleich, ihr wärt zu dumm zum Lernen. Wenn das Lernen einmal schwerfällt, hängt es nicht an den Nagel, sondern macht die Sache zu eurer Sache. Und vor allem: Lernt nicht gegen eure Mitschüler:innen, sondern mit ihnen. Übernehmt Verantwortung für das Mitkommen der anderen, der Schwächeren, der Jüngeren, derer, die neu sind.
Liebe Eltern! Seid solidarisch mit euren Kindern. Unterstützt sie dabei, ihre eigenen Möglichkeiten zu entfalten. Fördert ihre Motivation und ihre Freude an der Schule, indem ihr euch gemeinsam mit ihnen am Schulleben beteiligt. Nutzt dazu auch die Elternvertretung, und seid euren Kindern ein Beispiel an Zuverlässigkeit, Aktivität und solidarischem Verhalten. Überfordert eure Kinder nicht in dem Irrglauben, das Glück des Lebens hänge allein vom Schulerfolg, von der späteren Stellung und von Besitz ab. Verlangt nicht, dass sie eure verpasste Laufbahn nachholen. Gebt ihnen das Recht, ihr eigenes Leben zu leben.
Liebe Lehrkräfte! Seid verlässliche Partner:innen unserer Kinder. Verlässlichkeit ist in einer unruhigen, an Eindrücken reichen und an Halt armen Welt eines der wichtigsten Bedürfnisse von Kindern. Lasst euch nicht zu sehr von Vorschriften und Rahmenvorgaben beeindrucken. Abfragbare Leistungen und Prüfungen dürfen nicht zum alles beherrschenden Zweck werden. Wir wünschen euch in eurer Aufgabe mehr Gelassenheit und weniger Perfektion, mehr Freude und weniger schlechtes Gewissen. Wir wünschen euch, dass ihr von den Kindern gebraucht und womöglich geliebt werdet, dass ihr von Kolleg:innen verstanden und unterstützt und von Eltern, Behörden und Öffentlichkeit anerkannt werdet.
Forderungen an die Schule
Diese Thesen entstanden 1989 für eine Podiumsdiskussion in Hannover. Vieles daran ist bis heute aktuell, manches ist inzwischen aufgegriffen worden (Ganztag, Team-Teaching, Klassenlehrerstunden, Schulsozialarbeit, Klassenrat). Sie sind hier als Diskussionsgrundlage wiedergegeben.
Veränderte Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen:
- Schüler:innen sind heute höheren Belastungen ausgesetzt. Die Anforderungen der Schule sind gestiegen, ebenso die Erwartungen der Eltern, und die Erfahrungswelt außerhalb der Schule hat sich ausgeweitet.
- Der Tag ist verplant: Unterricht, Hausaufgaben, Schulweg, Nachhilfe, Musikschule, Verein. Arbeitsbelastung ist nicht nur eine Frage der Unterrichtszeit, sondern auch der Unterrichtsgestaltung.
- Die Schule hat ihre Monopolstellung als Hauptquelle des Wissens verloren. Ein Abschluss garantiert keinen beruflichen Weg mehr.
- Familiensituationen haben sich verändert: viele Alleinerziehende, ganztägig berufstätige Eltern, unterschiedliche Erstsprachen und Lebensweisen.
- Eine praxisferne Theorielastigkeit des Unterrichts drängt pädagogische Anliegen in den Hintergrund; die Schule wird von vielen als „verkopft und entherzt" erlebt.
Grundannahmen:
- Die Lebensnot der Schüler:innen ist größer als ihre Wissensnot.
- Nicht nur die Fachkompetenz der Lehrkraft, sondern auch der menschliche Bezug ist gefragt.
- Freude, Lachen und Lockerheit müssen für Schüler:innen und Lehrkräfte verstärkt in der Schule stattfinden können.
Forderungen:
- Verbesserung der Rahmenbedingungen von Schule und Veränderung ihrer inneren Gestaltung: Muße zum Lehren und Lernen.
- Mehr pädagogische Autonomie für die einzelne Schule.
- Inhaltliche Entfrachtung des Unterrichts: weniger ist häufig mehr; weg von einseitiger Belastung, Stärkung der kulturellen und musischen Bereiche, ausgewogene Stundentafel.
- Fächerübergreifendes, ganzheitliches Lernen; weg vom starren 45-Minuten-Takt, hin zu Zeitblöcken.
- Kürzung der fest verplanten Pflichtzeiten bei gleichzeitiger Ausweitung von Übungszeiten in der Schule, einer Klassenlehrerstunde als Verfügungsstunde, Beratungszeit für jede Lehrkraft und Stunden für individuelle Förderung.
- Unterricht mit zwei Lehrkräften (Team-Teaching), besonders in den ersten Grundschuljahren.
- Erhöhung der sozialpädagogischen Anteile in der Tätigkeit und Ausbildung der Lehrkräfte.